Bahnen- Wuppertal.de Güterverkehr

1. Barmer Güterverkehr: die Strecke zum Schlachthof
Im April 1894 wurde der Barmer Schlachthof an der Carnaper-/Schützenstrasse durch einen Gleisanschluss in Normalspur mit dem Staatsbahnhof Loh an der Rheinischen Strecke verbunden. Hierfür musste aufwändig ein neuer Viadukt über die Schönebecker Strasse gebaut werden, nur wenige Meter oberhalb der vorhandenen zweigleisigen Brücke der Rheinischen Bahn. Dann ging es weiter durch den Schönebecker Busch mit anschliessender fast rechtwinkliger Überquerung der Carnaperstrasse. Die Strecke wurde unter Regie der Stadt Barmen als “Kleinbahnanschluss” gebaut. Die Bedienung erfolgte mit den Dampflokomotiven der preussischen Staatsbahn.        
 

Die Lok 609 (“Dicke Berta”) einige Jahre vor Stillegung der Strecke Loh - Hatzfeld
auf einem idyllischen Streckenabschnitt unweit vom Mallack (Foto vom Juli 1976).
Es werden die von der DB per Gleisanschluss beim Schlachthofbahnhof angelie-
ferten Güterwagen zu den verschiedenen Firmen im Barmer Norden gefahren.

Das ist die Lok 608, die sich in den Proportionen vollkommen anders präsentiert als die
 dicke Berta 609. Die Lok erinnert mehr an eine “urige” Kleinbahn. Im Schlachthofbahn-
hof werden mit Kohlen beladene Waggons am sog. Becherwerk rangiert (4.2.1965).
Foto Rolf Löttgers  Sammlung Terjung

2. In den Barmer Norden: Streckenausbau und Gleisanschlüsse
Vom Schlachthof Barmen wurde die Strecke dann einige Jahre später durch die Winchenbachstrasse nach Hatzfeld verlängert, primär zur Anbindung von Werksgleisen verschiedener Firmen (1911). Im Bereich ab der nördlichen Ausfahrt vom Bf. Schlachthof an der Schützenstrasse wurde sie von der Strassenbahn im Personenverkehr mitbenutzt (s.u.). Die Linie war nach den Regularien einer Eisenbahn gebaut und hatte daher auch im Strassenplanum einen festeren Oberbau. Infolge der Besonderheiten der Strecke hatte sie den Status der “Kleinbahn Loh - Hatzfeld”. Bis kurz vor dem Viadukt zum Übergabebf. Loh war die Strecke seit der Einbindung der Strassenbahnlinie vom Alten Markt nach Hatzfeld elektrifiziert. Mit der Elektrifizerung beschaffte die Bahn in den Jahren 1910 und 1912 zwei Elloks (I und II), die dann die Nummern 608 und 609, zum Schluss ab dem 1.12. 1978 bis zur Stillegung die Bezeichnungen 3608 und 3609 erhielten.     
                            

Die Aufnahme ist fast ein halbes Jahrhundert alt. Die 609 ist hier am Gelben Sprung
 unterwegs. Mit dem einen Rungenwaggon ist die Lok natürlich nicht ausgelastet. Da-
mals gab es allerdings noch etliche Firmenanschlüsse auf der Strecke, so dass auch
mal gezielt Bedarfsfahrten eingeschoben werden konnten (Foto vom 10. Juni 1957).
Foto E.J. Bouwman   Sammlung Terjung

Zur Beförderung der Güterzüge auf
den WSW-Gleisen standen bei der
 Barmer Strassenbahn zunächst
 zwei elektrische Loks zur Verfügung
(Nr. I von 1910 Maffei/SSW, Nr. II
von 1912 AEG), die später von den
 WSW als 608 und 609 bezeichnet
 wurden. Im Jahre  1931 kam die
Lok III dazu, die spätere 610. Nach
 Ausmusterung der 610 anno 1963
 bekamen die beiden anderen Loks
1978 die Nummern 3608 und 3609
und fuhren bis 1979 resp. bis zur
 endgültigen Auflassung der Strecke
im Februar 1980. Beide Maschinen
 wurden an die österreichische Ge-
sellschaft Stern & Hafferl verkauft.



Die Lok 609 wurde von Bahnern
infolge ihres voluminösen Aussehens
 gerne als “Dicke Berta” bezeichnet.
Die 608 war wesentlich zierlicher
und erinnerte mit geringerer Breite
eher an eine Schmalspurlok. Oben
die Nr. 609 an der Kreuzung mit der
 Schützenstrasse (Sommer 1976).
Unten die Lok gegenüber am Anfang
der Winchenbachstrasse (7/1976).
 

3. Eine neue Einnahmequelle: die Kohlenbahn
Die Strecke verzeichnete für Jahrzehnte ein starkes Güteraufkommen der aufstrebenden Region im nördlichen Barmen. Ab 1923 kam dazu ein intensiver Kohlenverkehr vom Bf. Schlachthof über den Alten Markt zum Heizwerk am Clef, für den 1931 gezielt die neue Ellok III (später 610) und etliche Selbstentladewaggons beschafft wurden. Im Bf. Schlachthof wurde ein Becherwerk zur Umladung der Kohlen von den Hochbordwagen der Reichsbahn gebaut. Der Zug wurde dann in die Winchenbachstr. geschoben. Von dort ging es zurück im 90 Grad-Bogen auf die Schützenstrasse, von wo aus die Strassenbahngleise benutzt wurden. Kurioserweise wurde die Schlachthofbahn bei der Fahrt zur Talsohle dann wieder auf der Carnaperstrasse etwa rechtwinklig überquert. Dieser Kohlenverkehr endete erst im Jahre 1963 mit Beginn der umfangreichen Umbauten am Alten Markt samt Trambahn-Verlegung.  Die Lok 610 wurde in diesem Zusammenhang am 20.4.1963 ausgemustert.
                  

Hier steht ein typischer Kohlenzug, wie er bis zum Umbau des Alten Marktes im Jahre
1963 vom Umladebahnhof Schlachthof zum Barmer Kraftwerk am Clef fuhr. Im Bild die
Lok 610, die in den dreissiger Jahren angeschafft wurde (Aufnahme im April 1960).
Foto Wuppertaler Stadtwerke   Sammlung VOBA

Das ist ein typischer Anblick aus alten Zeiten, wie sich dies dem Betrachter an der
 Kreuzung Schützenstrasse/Winchenbachstrasse zeigte. Die 608 hat einen “Güterzug”
 (steht oben an der Lok angeschrieben) aus drei Kohlenwaggons vom Schlachthofbf. in
die Winchenbachstrasse geschoben und fährt dann anschliessend in einem 90 Grad-
Bogen wieder vorwärts in die Schützenstrasse zum Heizwerk am Clef (10.7.1957).
Foto E.J. Bouwman   Sammlung Terjung

Dies ist ein interessantes Motiv
am so genannten Becherwerk im
 Übergabebahnhof “Schlachthof”
(seit 1930 an sich nicht korrekte,
aber gängige Bezeichnung, weil
die Aktivitäten gesamt zum Elber-
felder Viehhof verlegt wurden)
 am 1.4.1957. In der Mitte sehen
wir einen Hochbordwaggon der
 Bundesbahn, aus dem die Kohlen
in den Behälter des Werkes be-
fördert werden. Daneben stehen
die drei Selbstentladewagen der
 Stadtwerke-Bahn, die nun mit der
 Kohlenladung befüllt werden. Eine
tolle Aktionsszene, so richtig prä-
destinert für einen vorbildbezoge-
nen Nachbau auf der Modellbahn!
Foto WSW  Sammlung VOBA

Die Lok 610 hatte kein besonders langes Leben. Eigens für die Kohlentransporte anno
1931 von der Firma Schöndorff gebaut, wurde sie mit dem Ende dieses Güterbereiches
am 20.4.1963 bereits ausgemustert und auch verschrottet. Hier steht sie in einer
 Ruhepause im Bf. Schlachthof und ahnt noch nichts von ihrem Schicksal (um 1959). 
Foto Wuppertaler Stadtwerke   Sammlung Terjung

Zwar weniger Eisenbahn, dafür um so mehr alte Zeiten. Ein unbekannter Fotograf hielt
 diese Szene vom Werksareal der Firma Herberts fest. Die barackenähnlichen Gebäude
 lassen auf die frühen 50er Jahre schliessen oder sollte es sogar vor dem Krieg gewesen
 sein? Vielleicht kann ein User uns da weiterhelfen. Es gibt viele Details (bspw. die un-
zähligen Fässer!), die zum Beobachten einladen und zum Nachbau Anregungen bieten.
 Trotz der vielen Teile wirkt der Bereich irgendwie aufgeräumt und gut strukturiert. Der
 Kesselwagen mit dem Bremserhaus vorne lässt jedes Bahnherz höher schlagen.
Foto Sammlung VOBA

4. Bis zur bitteren Neige
Nach Aufgabe der Kohlenbahn zum Heizkraftwerk am Clef konzentrierte sich der Güterbetrieb auf die diversen Werksanschlüsse Richtung Hatzfeld. Hierfür standen die beiden Elloks aus der Anfangszeit weiterhin zur Verfügung. Diese Strecke ereilte aber in den nächsten Jahren letztlich das gleiche Schicksal wie viele andere Bahnlinien zuvor, denn zunehmend wurde die Verladung per LKW attraktiver, ebenso passte die Strecke nicht mehr ins Konzept der WSW-Bahnen. Trotzdem noch bis Anfang 1980 (offzielle Stillegung am 1.2.80) wurde diese ungewöhnliche Linie betrieben. Zuvor am 1.12.1978 wurden die beiden Loks im Rahmen der Umzeichnungen der WSW-Fahrzeuge noch auf die letzte Benennung 3608 und 3609 geändert. Beide Lokomotiven wurden nach Betriebsaufgabe anschliessend zur österreichischen Bahngesellschaft Stern & Hafferl verkauft (StH betreibt dort einige Linien bzw. hat Betriebsgesellschaften). Am Anfang des neuen Jahrtausends waren sie in Oberösterreich noch im Einsatz. In den siebziger Jahren gelangte die Strecke zunehmend in das Bewusstsein bestimmter Fankreise. Einigen Bahnfreunden ist es so zu verdanken, dass es auf der Gesamtlinie vom Bf. Loh bis hinauf zum Hatzfelder Wasserturm ein paar Sonderfahrten mit Schienenbussen gab, die bei den Anwohnern natürlich viel Aufsehen erregten.         

Keine Bahn ohne Unfälle. Wahrscheinlich wegen einer falsch gestellten Weiche ist
ein Schiebwandwaggon der DB entgleist. Die Dicke Berta hat mit aller iher Kraft den
 Wagen ganz schön in die Knie gezwungen. Aber auch die Lok selbst vermittelt eine
 bedenkliche Schieflage. Eine interessante Szene vom Bf. Schlachthof (um 1960). 
Foto Wuppertaler Stadtwerke   Sammlung Terjung

Im Sommer 1978 waren die Loks 608 und 609 noch im Einsatz auf der Hatzfelder
Strecke. Die Aufnahme lässt gut den Unterschied zwischen der voluminösen 609 und
der eher zierlichen 608 erkennen. Der Baukran im Hintergrund ist eine Kennzeichen
dafür, dass auf dem WSW-Gelände an der Bromberger Strasse noch gebaut wird.

War die dicke Berta etwa bei einer Frischzellenkur? Beim Anblick der properen alten
Dame könnte man das fast meinen. Aber nichts dergleichen, es ist der harte Betriebs-
alltag! Bei einem alten Kunden, der Fa. Siller & Jamart auf Hatzfeld, muss heute etwas
 abgeholt werden. Oben ein Foto beim Firmenanschluss. Unten eine Szene, die sicher
 noch vielen Mitbürgern vor Augen ist: Ein Güterzug mit einem Kessel der bekannten
Firma rangiert und fährt bald Richtung Tal zum Schlachthofbf.. Die Fuhre wird dann
im Bf. Loh an der Rheinischen Strecke an einen DB-Zug angehängt (Frühjahr 1978).
Fotos  Zeno Pillmann

Heimspiel: Die Ellok 608 befindet sich
hier im Areal der Stadtwerke an der
 Bromberger Strasse. Die neuen Zeiten
 sind eingezogen, was an den Hoch-
bauten des neuen Verwaltungstraktes
 unschwer zu erkennen ist. Der Mohr
hat seine Schuldigkeit getan....- die
Lok darf gehen, denn sie passt nicht
mehr ins neue Verkehrskonzept. Zum
 Glück geht es aber nicht zum Schrott-
händler, sondern in die neue Heimat
nach Österreich. Auf dieser Aufnah-
me sieht man wieder sehr gut, wie
schmal und dadurch hochbeinig sich
das Fahrzeug präsentiert (1978).
Fotos  Roland Siebert

Personenverkehr auf der Hatzfelder Strecke! Das hat es
so natürlich nie gegeben, dafür war die Strassenbahn
 früher zuständig bzw. der auf dem oberen Bild sichtbare
 Dieselbus. Es gab hingegen einige Sonderfahrten vom
 Bahnhof Loh her, über die meistens nur die Insider
 Bescheid wussten. Oben sehen wir einen Solo-Tw der
 Reihe VT95 (795) der  Regelbauart. Der Bus ist heute
auch ein Oldie.  Bei eher mässigem Wetter und not-
wendiger Fotoaufhellung ist der Wasserturm im Hinter-
 grund kaum erkennbar (1976). Ganz anders beim Foto
 links. Hier herrscht schönstes Sommerwetter, was
auch an der Kleidung erkennbar ist (24.5.1976). Der
Schienenbus stammt vom Typ her aus der Vorserie der DB-VT 95, was unschwer an der Frontpartie mit den kleineren Fenstern zu erkennen ist. Er wurde allerdings nicht an die Bundesbahn geliefert, sondern kam direkt
bei den Hohenzollernschen Landesbahnen zum Einsatz.
Der kleine Fiat 500 versperrt zunächst (vom Bahnfan
 geschickt?) die Rückfahrt, passt aber im Outfit bestens
 zum seit einigen Jahren sehr beliebten Tw-Brummer.
Foto (ob)  W. Lange
Foto (li)  Bernhard Terjung

Noch in den siebziger Jahren waren die beiden vorhandenen Maschinen 608 (1976)
und 609 (1973) in der Lokklinik, sprich bei der Firma Röchling in Hattingen zu einer
 grösseren Untersuchung. Die Elloks wurden jeweils von einer DB-Lok geschleppt. Vom
 Schachthofbf. ging es zunächst nach Loh, dort mit Kopfmachen über die Rheinische
 Strecke nach Wichlinghausen und weiter über Nächstebreck, Schee und Sprockhövel
in die Stadt an der Ruhr. Oben sehen wir die quasi kahlgeschorene 608 mit ihrer
“Mutter” Berta in Nähe vom Lokschuppen an der Carnaper Bahnkreuzung. Unten be-
findet sich die DB-Lok 216 026-5 auf dem Schönebecker Viadukt der Güterbahn und
 schiebt den kleinen Wiesel hinauf zum Schlachthofbf. (19.10.76).  Die Lackierung
  machen die WSW selber. Unter der Brücke fuhr die Strassenbahn zum Klinikum durch.
Fotos  Hans-Günter Bunse

Mit dieser Aufnahme, die bald ein halbes Jahrhundert alt ist, verabschieden wir uns
 zunächst von der Güterbahn. Das Bild soll zugleich eine Verknüpfung zur Strassenbahn
herstellen, denn die Lok 609 mit ihrem Kohlenzug benutzt hier am Alten Markt ja
die gemeinsamen Gleise. Für Nahverkehrsfans war in diesem Bereich sicher so etwas
wie ein Paradies, die Fahrgäste werden die Güterzüge wahrscheinlich mehr mit Miss-
fallen gesehen haben. Über der tollen Bahnsteigüberdachung mit der markanten C&A-
Reklame (nachbauwürdig!) sehen wir das neue Bilka-Kaufhaus am Werth, darüber
spitzt der Turm der Gemarker Kirche in der Zwinglistrasse hervor (1.4.1957).
Foto Wuppertaler Stadtwerke   Sammlung VOBA

Strassenbahnbetrieb auf der Hatzfelder Linie auf der Strab-Seite

Die 3608 wurde von der Firma Stern & Hafferl als E 20 010 übernommen und ab dem
 7.11.1980 auf der NWP (Neumarkt -Waizenkirchen - Peuerbach) in Betrieb genommen.
Zum 12.5.1982 wurde sie auf die LVE (Lambach - Vorchdorf - Eggenberg) umgesetzt
und am 1.1.1990 an die LVE verkauft. Sie bekam dann dort die Betriebsnummer
E 24 010. Oben sehen wir die ex 3608 in rotem Farbkleid als StH-Lok E 20 010 im Juni
 1985 in Vorchdorf. Darunter die Lok in oranger Farbgebung als LVE-Maschine, eben-
falls in Vorchdorf (7.6.1992). Hinter der Lok erspähen wir den Triebwagen ET 24 103.

Nach fast einhundert Jahren ist die 608 in Österreich weiterhin vorhanden. Wir sehen die seit einigen Jahren aktuelle
 Lackierung. Noch etwas gute Betreuung und angemessene Schonung, und dann können wir anno 2010 fernab der
 ursprünglichn Heimat den Jubiläumsgeburtstag feiern. Die Aufnahmen stammen aus Vorchdorf (26.September 2006).
Fotos (2)  Ingo Härms

Die Lok 3609 wurde von der StH mit der Nr. E 20 009 am 2.11.1981 in Betrieb genom-
men. Sie kam auf die Strecke der LLB (Linzer Lokalbahn). Die Aufnahme zeigt die ex
 WSW-Maschine in schmuckem Rot am 4. 6. 1985 beim Rangieren im Bahnhof Eferding.

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